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Wie die Bio-Milch in den Schwarzwald kam

Von wenigen Pionieren zum Erfolgsmodell

von Rainer Bank, 3. November 2023 Zu Beginn der 1990er Jahre gab es im Schwarzwald hie und da schon ein paar Bio-Betriebe. Obwohl damals bereits viele Schwarzwaldbauern ihre Höfe extensiv bewirtschafteten, scheuten die meisten Betriebe den finalen Schritt – die komplette Umstellung ihres Betriebes auf Ökolandbau. Das hatte Gründe.
Von wenigen Pionieren zum Erfolgsmodell
Vorderwälder Milchkühhe im Schwarzwald

Schwierige Bedingungen für Bio-Pioniere

Für einen im Schwarzwald typischen Grünlandbetrieb gibt es ausschließlich die Möglichkeit, den Grasaufwuchs mittels Wiederkäuern (Kühen) zu verwerten und damit Milch und Fleisch zu produzieren. Für die frühen Bio-Pioniere war es überlebensnotwendig, über Direktvermarktung und eigene Hofkäserei einen angemessenen Verkaufspreis für ihre Bio-Milch zu generieren. Denn andernfalls wurde deren Bio-Milch von der damaligen Breisgaumilch, die heutige Schwarzwaldmilch, genauso wie die Milch ihrer konventionellen Kollegen erfasst und mit einem entsprechenden Milchpreis vergütet.

So bestand lange kein finanzieller Anreiz dafür, dass weitere Bauernhöfe auf biologische Wirtschaftsweise umstellten. Viele Bauern hatten auch Bedenken, dass sie nach einer Umstellung einer der gefürchtetsten Unkraut-Pflanzen des Grünlandes, dem Stumpfblättrigen Ampfer, nicht mehr Herr werden würden. Dieser Stumpfblättrige Ampfer ist ein Platzräuber, der mit seinen großen Blättern wertvolle Futterpflanzen verdrängt. Er hat dazu einen sehr geringen Futterwert und wird von den Weidetieren verschmäht. Mit seinen groben Stängeln, die sich nur schwer trocknen lassen, erschwert er zusätzlich die Heuwerbung. Der Ampfer kann nur auf einem lückigen Grasbestand auskeimen. Lücken entstehen dann, wenn bei feuchter Witterung beweidet oder bei Überfahrten mit dem Traktor die Grasnarbe beschädigt wird. Auch die Zugänge zur Weide sind potentielle Ampfernester, da hier viele Tiere hintereinander diese Zugänge passieren.

Der Stumpfblättrige Ampfer lässt sich am einfachsten und effektivsten mit chemischem Pflanzenschutz eliminieren. Im Ökolandbau ist der Einsatz von Chemie aber verboten. Ampferpflanzen können mit einem Ampferstecher recht mühsam und zeitaufwendig entfernt werden. Dazu muss man aber wissen, dass der Ampfer bis zu einem Meter lange Wurzeln bilden kann, und wenn nur ein kleiner Teil der Ampferwurzel erfasst wird, war die ganze Arbeit für die Katz und der Ampfer wächst munter weiter.

Viele Schwarzwaldbauern verzichteten aufgrund der Steillagen damals schon auf eine intensive Wirtschaftsweise und ließen Mineraldünger zur Ertragssteigerung weg. Weil aber zur Ampferbekämpfung Chemie eingesetzt wurde, waren diese Betriebe zwar extensiv wirtschaftend, aber keine Bio-Betriebe.

Neue Anreize durch das Extensivierungsprogramm der EU

Um Agrarüberschüsse abzubauen, wurde von der Europäischen Union (EU) zu Beginn der 1990er Jahre ein Extensivierungsprogramm aufgelegt, welches für landwirtschaftliche Betriebe einen Anreiz bildete, auf ökologische Wirtschaftsweise umzustellen. Dies war ein Förderprogramm, das für den Schwarzwald nahezu perfekt passte.

Nun konnte der Mehraufwand für die mechanische Ampferbekämpfung einigermaßen ausgeglichen werden. In Folge stellten viele Schwarzwaldbauern ihre Höfe auf eine biologische Wirtschaftsweise um. Somit kam jetzt bei der Breisgaumilch in Freiburg zunehmend mehr Bio-Milch an, jedoch ohne finanziell besonders honoriert zu werden.

Das Dilemma der regionalen Milcherzeuger

Bei der Breisgaumilch beobachtete man sehr wohl den Bio-Milch-Markt und die Aktivitäten anderer Molkereien in diesem Marktsegment. Aber man tat sich aus verschiedenen Gründen zunächst schwer damit, diesen Markt zu bedienen. Die Breisgaumilch war ein genossenschaftlich geführtes Unternehmen: Die Schwarzwaldbauern waren die Eigentümer dieser Molkerei in Freiburg und bestimmten stellvertretend Vorstand und Aufsichtsrat. Diese Aufsichtsgremien waren fast komplett mit konventionellen Landwirten besetzt, welche die Einführung einer eigenen Bio-Milch für nicht notwendig erachteten. Man scheute auch die zusätzlichen Kosten einer Bio-Milcherfassung und -verarbeitung, da diese nicht mit konventioneller Milch vermischt werden durfte. So musste Bio-Milch damals mit separaten Milchsammelwagen eingeholt werden; die Milcherfassung von ausschließlich bioverbandszertifizierten Betrieben, quer über den Schwarzwald und das Rheintal verstreut, hielt man als nicht wirtschaftlich tragfähig. Die Mehrheit der Milcherzeuger war auch nicht bereit, eventuelle Mehrkosten einer Bio-Milchverarbeitung mitzutragen.

Zusätzlich steckte die damalige Breisgaumilch marketingtechnisch in einem Dilemma. Man hatte um 1995 eine grüne Weidemilch-Produktlinie am Markt platziert, welche als Premium-Produkt beworben und auch entsprechend hochpreisig vermarktet wurde. Wie sollte man dann dem Milchkonsumenten gegenüber argumentieren, dass man nun, pardon, ein noch besseres Produkt im Portfolio habe?

Der Start der Bio-Milcherfassung im Schwarzwald

Anfang 1997 war bis zur Breisgaumilch durchgedrungen, dass die in Bayern ansässige Molkerei Berchtesgadener Land die Gegend rund um das ökologisch gesinnte Freiburg mit Bio-Milch beliefern wolle. Bio-Milch aus Bayern für die Green City – das war ein Ding der Unmöglichkeit! Von nun an ging es ganz schnell in der Freiburger Molkerei und so manches Mitglied der Aufsichtsgremien überdachte seine ablehnende Haltung noch einmal.

Wie konnte sich eine wirtschaftlich tragfähige Erfassung der Bio-Milch, über den ganzen Schwarzwald verteilt, realisieren lassen? Die Lösung war, auf die ausschließliche Erfassung von Demeter-, Bioland- oder Naturland-Milch zu verzichten und auch Bio-Milch von EU-Bio-Betrieben zu erfassen. Zum Start der Bio-Milcherfassung am 1. April 1997 gab es 13 Bio-Betriebe, welche von einem Milchsammelwagen auf einer Bio-Milch-Sammeltour von Stühlingen über den Schwarzwald bis ins Dreisamtal separat angefahren wurden. Die Marketingstrategen hatten inzwischen auch eine Möglichkeit gefunden, eine Breisgau-Bio-Milch in ihr Produktsegment zu integrieren, ohne die Botschaft zu kreieren, dass die grüne Weidemilch doch nicht so premium sei. Die neue Bio-Milch aus Freiburg taufte man „die Fallers“, angelehnt an die populäre SWR-Fernsehserie über eine Schwarzwälder Bauernfamilie.

Das Ganze wurde von der Breisgaumilch als Versuchsballon gegenüber den Milcherzeugern gerechtfertigt mit der strikten Maßgabe, dass sich die Bio-Milchverarbeitung selbst tragen müsse und nicht mit zusätzlichem Geld aus dem Kreis der konventionellen Milcherzeuger subventioniert werden dürfe. Den Anfang machte die braune 1l-Bio-Milch-Flasche. Neben dem großen Fallers-Gockel auf gelbem Grund war recht klein die blaue Breigaumilch-Glocke platziert. Sollte sich die Fallers-Bio-Milch doch als Flopp erweisen, hätte man sich als Breisgaumilch nicht allzu sehr aus dem Fenster gelehnt.

Die  Fallers Milch der Breigaumilch e.G., heutige Schwarzwaldmilch e.G.
Die Fallers Milch der Breigaumilch e.G., heutige Schwarzwaldmilch e.G.

Nach anfänglichem Misstrauen: Bio-Milch wird zum Erfolgsmodell

Die Vorgabe, kein konventionelles Milchgeld zuzuschießen, schloss eine Marketingkampagne zur Einführung aus. Die ersten Messeauftritte der neuen Bio-Milch mussten von den Bio-Milchlieferanten selbst organisiert und beworben werden. Und tatsächlich konnte das neue Produkt nur im klassischen Einzelhandel Fuß fassen. In der Öko-Szene überwog das Misstrauen gegenüber der neuen Bio-Milch aus Freiburg. Ohne Bio-Verbandsauslobung wollte kaum ein Ladner diese Milch in sein Verkaufsregal stellen. So blieben die Absatzzahlen hinter den Erwartungen zurück. Nach einem Jahr stand man vor der Entscheidung, das Bio-Milchengagement zu beenden oder die teilnehmenden EU-Bio-Betriebe zu einem Bioland-Verbandsbeitritt zu bewegen. Letzteres geschah und nun gingen die Absatzzahlen nach oben, zusätzlich befeuert mit einem Bio-Joghurt, ebenfalls im braunen Pfandglas.

Nach wiederum einem Jahr hatte man mit dem Bio-Milchsegment einen Überschuss erwirtschaftet und die Geschäftsführung legte den teilnehmenden Bio-Milchbauern nahe, auf die Hälfte des ihnen zustehenden Biomilch-Zuschlages zu verzichten und stattdessen in eine umfassende Werbekampagne zu investieren. So mancher Bio-Milchlieferant hätte den Mehrertrag auf seinem Hof ganz gut gebrauchen können, aber die Investition in Werbung verschaffte der Bio-Milch aus dem Schwarzwald den Durchbruch. Weitere Bio-Milchprodukte wie Quark, Butter, Fruchtjoghurts etc. folgten.

Mit dem steigenden Bio-Milchabsatz wuchs auch die Anzahl der Bio-Betriebe. Ganze Schwarzwaldtäler wie das Linachtal bei Furtwangen stellten komplett auf biologische Bewirtschaftung um. Der „konspirative Zirkel“ aus 13 Pionierbetrieben ist mittlerweile auf über 200 Bio-Milchanlieferer angewachsen und die Bio-Milchverarbeitung ist für die heutige Schwarzwaldmilch ein unverzichtbarer Teil der Produktphilosophie. Nach einem holprigen Start … doch noch ein Happy End.

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