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Landwirte im Nebenerwerb

Sprungbrett in den Ausstieg? Von wegen!

von Annika Burger, 4. Februar 2022 Höfe, die im Nebenerwerb betrieben werden, sind in Baden-Württemberg mittlerweile in der Über-zahl. Nicht nur beruflich leisten die Landwirte einen beachtlichen Spagat. Dennoch werden sie von Haupterwerblern mitunter eher abwertend als „Hobbybauern“ bezeichnet. Dabei sind sie äußerst wichtig für unsere Region.
Sprungbrett in den Ausstieg? Von wegen!
Moriz Vohrer, Bauer im Nebenerwerb © privat

In Deutschland werden 52 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe im Nebenerwerb betrieben, in Baden-Württemberg sind es sogar über 60 Prozent. Ein Landwirt im Nebenerwerb ist, wer weniger als die Hälfte des Gesamteinkommens mit dem landwirtschaftlichen Betrieb erwirtschaftet und einer weiteren Beschäftigung nachgeht. Um den Hof wird sich meist vor und nach einer Arbeit in Anstellung gekümmert, am Wochenende und in den Ferien, meist mit Hilfe der gesamten Familie. Haupterwerbsbauern sind in Baden-Württemberg also in der Minderzahl. Vorbehalte gegenüber den Kollegen, die auch noch einen anderen Beruf ausüben, halten sich jedoch hartnäckig. Nebenerwerb sei nur eine Übergangsform zur Betriebsaufgabe, also ein „Einstieg zum Ausstieg“, nur Hobby und Freizeitbeschäftigung.

Wachse oder weiche
Die Entwicklung hin zum Nebenerwerb nahm nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Anfang, denn ab den 1950er-Jahren erfuhr die Landwirtschaft eine drastische Veränderung: Die Mechanisierung sowie der Einsatz von Mineraldüngern und Pflanzenschutzmitteln stiegen an. Maschinen nahmen den Menschen die schwere körperliche Arbeit ab und immer weniger Landwirte erzeugten Nahrung für immer mehr Personen. Sinkende Erzeugerpreise bei steigenden Ausgaben brachten viele Höfe zunehmend in Schwierigkeiten. Besonders zwischen 1990 und 1995 gaben viele von ihnen auf – „wachse oder weiche“ hieß es damals. Alternativ wurde eben auf zusätzliche Einkommensquellen gesetzt, um die landwirtschaftlichen Betriebe zu erhalten.

Erhalt der Schwarzwälder Kulturlandschaft
Durch die Umstellung auf den Nebenerwerb sicherten die Landwirte nicht nur die eigene Existenz, sondern auch Arbeitsplätze und Produktionsweisen. Denn, wie Siegfried Nägele, Vorsitzender des Nebenerwerbsausschusses im Landesbauernverband (LBV) betont: „In der auch heute noch kleinstrukturierten Landwirtschaft Baden-Württembergs lässt sich eine flächendeckende Landbewirtschaftung vor allem auf schwierigen Standorten ohne den Nebenerwerbslandwirt nicht aufrechterhalten.“ Gerade im Schwarzwald mit den zahlreichen für Haupterwerbsbauern unattraktiven Hang- und Steillagen leistet der Nebenerwerbler einen enormen Beitrag zur Erhaltung der Kulturlandschaft und der Biodiversität. Diese typische Schwarzwälder Mischung aus lieblich offenen Wiesen und Wäldern zieht viele Touristen an und gäbe es diese charakteristische Kulturlandschaft nicht mehr, würde der für die Region ebenfalls so essenzielle Fremdenverkehr darunter leiden.

Werner Räpple, ehemals Vorsitzender des Fachausschusses Nebenerwerbslandwirtschaft und Erwerbskombination des Deutschen Bauernverbands sowie Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) betonte noch eine weitere Rolle: „Die Nebenerwerbslandwirtschaft stellt eine starke Verankerung der Landwirtschaft in die Gesellschaft dar“.

Ausreichend Know-how?
Kritisch wird hingegen immer wieder die Ausbildungslage jener Landwirte gesehen, die nur im Nebenerwerb Bauern sind. Waren es ab der Mitte des 20. Jahrhunderts meist Haupterwerbler, die auf Nebenerwerb umstellten, sind es heute häufig Erben, die einen anderen Beruf erlernt haben und den Hof der Familie dennoch nebenher weiterführen möchten. Nicht immer reicht das Fachwissen dafür aus, deswegen gibt es in Baden-Württemberg sogenannte fachschulische Ergänzungsangebote speziell für den Bereich Nebenerwerb. Sie vermitteln berufsbegleitend landwirtschaftliches Grundwissen.

Was aber treibt Menschen an, die Höfe weiter zu bewirtschaften, obwohl sie sich beruflich bereits anders orientiert haben? Neben wirtschaftlichen Gründen spielen Herkunft und Generationen-Verantwortung eine Rolle. So auch bei Moriz Vohrer und Frank Krumm.

Moriz Vohrer beim Schnaps brennen © privat
Moriz Vohrer beim Schnaps brennen © privat

Es braucht Vielfalt auf jeder Ebene
Moriz Vohrer betreibt gemeinsam mit seiner ebenfalls berufstätigen Frau einen Hof auf dem Stohren: „Nicht jedem Landwirt gelingt es, den Betrieb an die nächste Generation weiterzugeben. Aber auch als ich ins Forststudium gegangen bin, war für mich immer klar, dass ich später wieder einen Bauernhof haben möchte. Auch wenn es Arbeit ist, ich glaube es steckt ganz tief in uns drinnen, eine Verbindung zur Natur und zu den Tieren zu haben. Dieser Hof bedeutet Heimat für mich.“

Dr. Frank Krumm mit einem Nebenerwerbshof in Binzen äußert sich ähnlich und ergänzt: „Außerdem haben wir eine Verantwortung gegenüber unseren Vorfahren, die in vielen Generationen Landwirtschaft betrieben und ein Erbwissen aufgebaut haben. Das wegzuwerfen wäre falsch und ein Stück weit Verrat. Der globale Welthandel hat so viele negative Auswirkungen, dafür braucht es regionale Alternativen. Es braucht Vielfalt auf jeder Ebene – nur das schafft eine gewisse Resilienz gegenüber sich wandelnden Umwelteinflüssen.“

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