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Eine Geschichte der Weidewirtschaft im Schwarzwald

Von der offenen Weide bis zur Standweide

von Rainer Bank, 24. Januar 2024 Seit der Sesshaftwerdung der Menschen und der Domestizierung von Haustieren wurde Weidewirtschaft betrieben. Dies war besonders in den Zeiten vor der Mechanisierung eine große Arbeitserleichterung: So musste weder das Gras zur Fütterung in den Stall noch der Dung der Tiere nach draußen gebracht werden.
Von der offenen Weide bis zur Standweide
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Für die Beaufsichtigung der Tiere waren Hirten erforderlich, die darüber wachten, dass die Tiere während ihres Freigangs auf der Weide nicht ausbüxten oder anderenorts Schaden anrichteten. Somit ist der Beruf des Hirten einer der ältesten Berufe unserer Menschheitsgeschichte.

Während in wärmeren Regionen sogar ganz auf jegliche Stallhaltung verzichtet werden konnte, war der Weideaustrieb in unserer Region auf die Monate zwischen April und Oktober begrenzt. Die Milchkühe wurden nach dem morgendlichen Melken auf die Weide getrieben und abends vor dem Melken wieder zurück in den Stall. Die Jungrinder mussten nicht zum Melken zurück, sondern konnten theoretisch über die Sommermonate draußen bleiben und mussten erst wieder rechtzeitig vor dem Wintereinbruch wieder zurück in die heimatlichen Ställe.

Im Schwarzwald wurden schon recht früh nach der Besiedelung die Grünlandflächen oberhalb der Waldgrenze für die Beweidung durch Jungrinder genutzt. Die sich im Mittelalter im Schwarzwald ansiedelnden Klöster förderten die Rodung von Waldflächen zur zusätzlichen Gewinnung von Weideland. Dorthin wurden im Mai/Juni die Rinder aufgetrieben, nachdem der Frühling auch auf den Gipfeln des Schwarzwaldes Einzug gehalten hatte. Dort wurde mit den Jungrindern Almwirtschaft betrieben, wie wir sie heute noch von unseren Wanderausflügen an den Feldberg oder in den Alpen kennen.

Almhütten wie die St. Wilhelmer Hütte oder die Baldenweger Hütte im Feldberggebiet boten einer Herderfamilie eine Unterkunft. Der Herder war für das Wohl der Tiere verantwortlich, musste dafür sorgen, dass die Jungrinder morgens frühzeitig rausgetrieben und abends rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit wieder in den Stall bei der Almhütte kamen. Die Hochweiden wurden in seltenen Fällen mit Rindern von einem einzigen Bauernhof beweidet. Es waren jedoch überwiegend Weidegenossenschaften, bestehend aus mehreren Bauern, zu deren gemeinschaftlichem Eigentum die Weideflächen und die Almhütte mit Stall gehörten.

Aus dieser Weidegenossenschaft wurde ein Herder bestellt, dem man die Jungtiere über den Sommer anvertraute. Im Gegenzug für die Betreuung der Weidetiere wurde dem Herder die Almhütte zur Nutzung als Schankstätte überlassen. Man konnte Mitglied einer Weidegenossenschaft werden, indem man „Weiderechte“ kaufte. Ein Weiderecht war und ist bis heute die Berechtigung für den Landwirt, ein Rind auftreiben zu dürfen. Die Weiderechte sind in ihrem Gesamtumfang limitiert, um eine Übernutzung der Hochweiden auszuschließen. Ein Landwirt kann nur Mitglied einer Weidegenossenschaft werden, wenn ein anderer Landwirt seine Anteile verkauft.

Vor der Einführung des elektrischen Weidezaunes mussten Kühe und Rinder gehütet werden, damit sie auf der eigenen Weidefläche blieben und nicht auf des Nachbars Wiese grasten. Auch musste darauf geachtet werden, dass sich die Rinderherde nicht mit der vom Nachbarn vermischte, was ein leidiges Durcheinander verursachte.

Auf den Almweiden betreuten Erwachsene die Weidetiere. Es waren dort große Herden zu hüten, die Weideflächen waren zudem weitläufig und verstreut, und die Gefahren, wie z. B. durch ein aufziehendes Gewitter, waren in den Gipfellagen heftiger als unten im Tal. Diese „gestandenen Mannsbilder“ waren meist Knechte oder Tagelöhner, die sich auf den Bergweiden für ein geringes Entgelt ihr Überleben sicherten.

Zuhause rund um den Hof musste der Nachwuchs auf die Rinderherden aufpassen. Während der Notzeiten während des Zweiten Weltkrieges und in der frühen Nachkriegszeit wurden auch viele Stadtkinder zur Arbeit auf das Land geschickt, um ebenfalls Kühe zu hüten (siehe hierzu den Beitrag „Das Schicksal der Hütekinder im Schwarzwald“).

Die Einführung des elektrischen Weidezaunes gegen Ende der 1950er Jahre revolutionierte die Weidewirtschaft auch im Schwarzwald grundlegend. Weidetiere mussten während der Weidezeit nicht mehr beaufsichtigt werden. Die Jungrinder, welche noch nicht gemolken wurden, konnten vom Beginn der Weidesaison bis in den Herbst auf der Weide bleiben.

Nun wurden im Berggebiet schwerpunktmäßig die Steillagen beweidet, welche sonst mit dem Traktor und den Heuwerbemaschinen schwierig zu bewirtschaften waren. Für die Jungrinder und Mastrinder, aber auch für Schafe und Ziegen praktiziert man die Standweide. Dabei wird diesen Tieren eine komplette Wiese zur Beweidung überlassen und die Tiere werden erst auf eine andere Weide umgetrieben, wenn die gesamte Fläche abgefressen ist.

Bei den Milchkühen setzte sich die Portionsweide durch. Den Tieren wird täglich eine neue Portion Weidegras zugeteilt. Im Idealfall wird die tags zuvor beweidete Fläche ausgezäunt, sodass wieder junges Gras nachwachsen kann. Dieses System ist jedoch sehr zeitaufwendig und die Trittschäden der Weidetiere bei feuchter Witterung begünstigten die Ausbreitung unerwünschter Unkräuter.

Seit fast 25 Jahren findet die Intensiv-Standweide, auch Kurzrasenweide genannt, immer mehr Verbreitung. Hierbei wird ein Grasbestand mit ca. 10 cm Wuchshöhe von den Tieren ganzflächig beweidet. Jede Weideparzelle wird mindestens einmal wöchentlich beweidet. Durch die intensive Beweidung wird der Grasbestand dichter und ist auch nicht so trittempfindlich bei Regenwetter. Durch die geschlossene Grasnarbe haben unerwünschte Unkräuter kaum Möglichkeiten, sich zu entwickeln.

Diese Form der Weidewirtschaft ist ein eigentlich perfektes Weidesystem, welches bei Milchkühen hohe Milchleistungen aus Weideland ermöglicht und auch arbeitswirtschaftlich sehr interessant ist. Ein gravierender Nachteil ist jedoch die hohe Wasserverdunstung in heißen Sommern, weil die kurzen Gräser den Boden kaum vor der Sonne schützen. Hier gilt es, angepasste Lösungen zu finden, um mit der sich häufenden Sommertrockenheit zukünftig zurechtzukommen.

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