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Solidarische Landwirtschaft

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von Gabriele Hennicke, 17. Juni 2022 Mit dem Konzept der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) etablieren immer mehr Bauernhöfe und Gärtnereien eine neue Form des Miteinanders mit den Verbrauchern und setzen dabei auch auf eine vielfältige, ökologische Landwirtschaft. In der Region rund um Freiburg gibt es bereits einige Solawi-Betriebe.
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Michels Kleinsthof

Der Luzernenhof in Seefelden, etwa 30 Kilometer südlich von Freiburg im Markgräflerland, wirtschaftet seit 2012 nach dem Prinzip der gemeinschaftsgetragenen Landwirtschaft. Was der Luzernenhof auf seinen 32 Hektar Fläche produziert, dient der Selbstversorgung der Hofgemeinschaft, die aus 15 Mitgliedern besteht, und wird an die derzeit 200 Haushalte der Verbrauchergemeinschaft Luzernenhof weitergegeben. Die Mitglieder der Verbrauchergemeinschaft erhalten jede Woche eine Lieferung mit den von ihnen bestellten Produkten des Hofs und finanzieren dafür mit monatlichen Beiträgen in Höhe von durchschnittlich 120 Euro die Betriebskosten der Landwirtschaft. Der Luzernenhof baut an, was man für eine gesunde Ernährung braucht: Gemüse, in einer Vielfalt von etwa 100 Sorten, und sieben verschiedene Arten Getreide. Der Biolandhof ist der einzige in dem kleinen Dorf in der Rheinebene, der noch Kühe und Schweine hält. „Die landwirtschaftliche Produktion ist ein Kreislauf. Grundlage ist der fruchtbare Boden, auf dem wir mit Priorität pflanzliche Lebensmittel erzeugen. Wir nutzen ausschließlich hofeigenen Dünger. Die Kreislaufwirtschaft funktioniert nur bei einem ausgewogenen Verhältnis von landwirtschaftlicher Nutzfläche und Tierbestand", sagt Landwirt Johannes Supenkämper. Aus der Milch machen sie in der eigenen Käserei bis zu 20 verschiedene Käse und andere Milchprodukte. Die Molke, die übrig bleibt, bekommen die sechs Schweine. Einmal pro Monat wird geschlachtet. Das Getreide wird von einer befreundeten Bäckerei zu Brot verarbeitet.

Das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft stellt einen Gegenentwurf zu den üblichen Marktmechanismen zwischen Anbauern, Großhandel und Verbrauchern dar, die teilweise von globalen Märkten abhängig sind. Erzeuger und Verbraucher bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft, die auf eine bäuerliche und vielfältige regionale Landwirtschaft setzt, und sie teilen die Risiken. So kann es also vorkommen, dass es mal etwas nicht oder nur wenig davon gibt, weil Schädlinge am Werk waren oder ein Hagel Früchte zerstörte. Gemeinsam bewältigt man auf der anderen Seite eine Zucchini- oder Kürbisschwemme.

Seit 2020 ist Michael „Michel“ Selingers Kleinsthof in Bad Krozingen-Tunsel ein Solawi-Betrieb. Auf Michels Kleinsthof wird eine Landwirtschaft betrieben, wie sie früher üblich war: In großer Vielfalt und auf kleiner Fläche, nahe an der Selbstversorgung mit Gemüse, Getreide, Eiern, Ölen, Honig, mit vielen Menschen und wenig Maschineneinsatz. In einem bunten Miteinander wachsen hier über 100 verschiedene Gemüse- und Kräuterkulturen, die meisten davon alte Sorten. Wärmebedürftige Paprika stehen im großen Folientunnel, der Rest wächst in Beeten. Ein umgebauter Bauwagen dient samt Dach als Gartenküche. Hier wird direkt verarbeitet, was vom Feld kommt. Eine Hühnerschar läuft durchs Kleegras. „Ich verwirkliche meine Vorstellung einer enkeltauglichen Landwirtschaft. Damit meine ich eine Landwirtschaft, die die Ressourcen Boden und Wasser erhält und verbessert sowie Treibhausgasemissionen verhindert. Ein gesunder, fruchtbarer Boden ist das Wertvollste, was wir unseren Enkelkindern hinterlassen können“, sagt Selinger.

Auf der anderen Seite des kleinen Dorfes Tunsel baut die Gartencoop Freiburg Gemüse an und versorgt damit etwa 300 Haushalte, vorwiegend in Freiburg. Die Mitglieder sind in Produktion, Verteilung, Logistik sowie Selbstverwaltung eingebunden. „Unsere sieben angestellten Gärtner bauen 70 verschiedene Kulturen an, wir verwenden zu 100 Prozent samenfeste Sorten, setzen auf saisonalen Anbau ohne beheizte Folientunnel, eine zwölfjährige Fruchtfolge und auf kurze Wege“, beschreibt Gründungsmitglied Luciano Ibarra das Konzept.

Der Lebensgarten Dreisamtal baut bio-dynamisches Gemüse nach Demeter-Richtlinien an und beliefert jede Woche 51 Haushalte im Dreisamtal und der näheren Umgebung mit einer Kiste voll Bio-Gemüse. Immer mittwochs ist Abholtag in Burg am Wald, dann holen die Mitglieder ihre Gemüsekiste direkt am Acker ab. Die Gärtnerinnen stellen das Gemüse für die jeweilige Woche in Kisten in einem Bauwagen bereit, an der Wand hängt eine Liste, woraus der Gemüseanteil pro Woche besteht. Jeder packt sich vor Ort seine Kiste selbst.

Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft in Deutschland bietet Kontakt- und Beratungsmöglichkeiten sowie eine regionale und internationale Vernetzung der zahlreichen Betriebe, die teilweise als Genossenschaften organisiert sind. Die Solawis sind über ganz Deutschland verteilt und werden immer mehr, im Oktober 2021 zählte die Plattform ernte-teilen.org bereits 368 Betriebe.

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