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Interessengemeinschaft Schlachtung mit Achtung

Tierschutz bis zum Sch(l)uss

von Katja Brudermann, 6. August 2021 Einen gemütlichen Laufstall bringt man wohl eher mit dem Thema Tierwohl in Verbindung als einen mobilen Schlacht-Anhänger. Doch genau den hat die Interessengemeinschaft „Schlachtung mit Achtung“ entwickelt. Die Gründer sind überzeugt: Auch der Übergang vom lebendigen zum toten Tier muss mit Respekt dem Lebewesen gegenüber erfolgen.
Tierschutz bis zum Sch(l)uss
Schlachtung mit Achtung

Eine Minute dauert der Sterbeprozess eines Rindes vom betäubenden Bolzenschuss bis zum Ausbluten. So schreibt es der Gesetzgeber vor. Noch einige Vorgaben mehr sind in der Tierschutz-Schlachtverordnung für diesen Vorgang zu erfüllen: Das Töten muss in einem geschlossenen Raum stattfinden, der einem zugelassenen Schlachthof zugeordnet ist, und das Tier muss am Kopf fixiert sein, damit der agierende Mensch vor Verletzung geschützt ist.

Die Realität, die daraus folgt, sieht auf vielen Betrieben ähnlich aus: Das Tier wird mit mehr oder weniger sanfter Gewalt in ein Kopfgitter im Schlachtraum getrieben, und dann folgt der Bolzenschuss. Für viele Tierschützer ist dieser Vorgang ein Ausdruck unmenschlicher Gewalt, für Landwirte und Schlachter ist es schnöder Alltag, und Verbraucher blenden gern aus, dass auch dieser Moment unweigerlich stattgefunden hat, wenn das Steak auf dem Grill brutzelt. Zwischen all diesen kontroversen Sichtweisen bleibt eine essentielle Frage gern auf der Strecke: Wie kann man die letzten Minuten im Leben eines Tieres so gestalten, dass das Lebewesen – wenn es denn schon sterben muss – dies zumindest so stressfrei wie möglich tut, und zwar ohne den engen gesetzlichen Rahmen zu sprengen? Landwirt Thomas Mayer aus Kandern und Tierschutz-Aktivistin Sandra Kopf aus Fluorn-Winzeln haben sich zur Interessengemeinschaft „Schlachtung mit Achtung“ zusammengetan und auf genau diese Frage eine sehr praktische Antwort gesucht und gefunden: die mobile Schlachteinheit MSE 00, konstruiert von Schlossermeister Peter Brandmeyer in enger Zusammenarbeit mit der zweiköpfigen Interessengemeinschaft.

In dem geschlossenen Anhänger befindet sich ein Fangstand von der Größe eines Rindes. Dieser lässt sich über ein Schienensystem nach hinten aus dem Anhänger bewegen; am Kopfende des Fangstandes befindet sich ein schwedisches Fressgitter und dahinter eine Vorrichtung für einen Eimer mit Kraftfutter. Wenn das Tier seinen Kopf neugierig in den Kraftfuttereimer steckt, schließt sich das Fressgitter, und während das Tier mit dem Futter beschäftigt ist, wird der Bolzenschuss angesetzt. Dann setzt die ausgeklügelte Mechanik ein: Der Fangstand wird samt Tier ins Innere des Hängers gezogen und so positioniert, dass der Schlachter das Messer, das in einer entsprechenden Vorrichtung neben dem eingebauten Waschbecken positioniert ist, gut zum Bruststich ansetzen kann. Das Tier blutet innerhalb weniger Minuten aus, und das Blut wird in einer mobilen Auffangwanne mit Deckel gesammelt. Am Waschbecken können Messer und Hände gewaschen werden, und dann sollte sich der Anhänger umgehend in Bewegung setzen. Der Gesetzgeber gewährt ab jetzt eine Frist von 45 Minuten, bis das tote Tier den Schlachthof erreicht haben muss.

Achtung dem Tier gegenüber bis zum Lebensende
Achtung dem Tier gegenüber bis zum Lebensende

Am Kopfende des Hängers ist eine Videokamera installiert. Die Idee dahinter ist, dass Verbraucher anschauen können, wie ihr „Steak“ freiwillig den Kopf ins Fressgitter steckt und bis zum Moment des Todes ein entspanntes Leben in vertrauter Umgebung führen durfte. Dann wird die Kamera ausgeschaltet.

Auf diese Weise mit Achtung geschlachtete Fleischprodukte können im Online-Shop erworben werden, in der Metzgerei Brunner & Rüdlin in Müllheim-Hügelheim oder auf Anfrage in etlichen Filialen der Hieber-Märkte. Nähere Infos unter www.schlachtung-mit-achtung.de.

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