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Video und Bericht zum Vortrag von Franz Theo Gottwald im Rahmen des Höfe-Festivals 2023

Leben und Wirtschaften in fruchtbaren Landschaften

24. November 2023 Warum ist es wichtig, eine Beziehung zu der uns umgebenden Landschaft zu haben? Wie kann es gelingen, diese im Anbetracht multipler Krisen zu erhalten? Und welche Rolle spielt dabei die Landwirtschaft? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Vortrags von Professor Dr. Franz Theo Gottwald.

Franz Theo Gottwald

Dr. phil. und Dipl.-Theol., seit 1984 selbstständiger Unternehmens- und Politikberater, Systemischer Coach, Speaker und Autor zahlreicher Fachpublikationen, Honorarprofessor für Umweltethik an der Humboldt-Universität zu Berlin, langjähriger Gastprofessor für nachhaltiges Wertemanagement an der Shanghai Academy of Social Sciences, ehrenamtlicher Vorstand und Aufsichtsratsvorsitzender verschiedener Stiftungen und Vereine (Kulinarisches Erbe Bayern e.V., World Future Council).

Eine Veranstaltung im Rahmen des Höfe-Festivals am 16. September 2023 von Marktplatz LandKultur in Kooperation mit dem Buchladen in der Rainhof Scheune, Kirchzarten im Dreisamtal.

Das im Anschluss an den Vortrag stattfindende Podiumsgespräch unter fünf Landwirtinnen und Landwirten, moderiert von Anne Körkel, können Sie hier ansehen.

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Ein redaktioneller Beitrag über den Vortrag
von Melanie Heusel

Ungewöhnliche Töne zu vermeintlich Altbekanntem in der Rainhof Scheune, Teil 1

Beim diesjährigen Höfe-Festival von Markplatz LandKultur ermöglichte ein Vortrag mit anschließendem Podiumsgespräch tiefe und berührende Einblicke in Leben und Arbeiten von Landwirtinnen und Landwirten in unserer Region.

Wenn ein Abend von einem Tuba-Duett eröffnet wird, dann ist eines von Anfang an klar: Was es hier zu hören gibt, das ist besonders, schwingt und hallt mächtig nach. So blieb es auch gestern, als die beiden Musiker Joseph Graul und Johannes Weinert die Bühne der Rainhof Scheune in Kirchzarten zunächst Professor Dr. Franz Theo Gottwald und anschließend fünf Landwirtinnen und Landwirten aus der Region überließen.

„Leben und Wirtschaften in fruchtbaren Landschaften“

Gottwald, Professor für Umweltethik am Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Themen der nachhaltigen Entwicklung und der ökologischen Agrar- und Ernährungskultur, lud zunächst zu einem Perspektivwechsel ein.

Bereitwillig folgte ihm sein Publikum gedanklich auf den Frauensteigfelsen, um von dort den Blick schweifen zu lassen über die vielleicht vertraute, vielleicht aber auch immer geheimnisvolle Landschaft der Umgebung – über Höhenzüge und Täler, Wald und Wiese, über bewirtschaftetes Land und Höfe.

Hier angekommen, folgte im Vortrag mit dem Titel „Leben und Wirtschaften in fruchtbaren Landschaften“ gleich die nächste Einladung von Professor Gottwald. Denn unter dem Begriff „Hof“ versteht er an diesem Abend weniger einen Wirtschaftsbetrieb, als einen Ort, ja einen Standpunkt. Er sieht ihn vor allem als eine Chance der Verortung, die es überhaupt erst erlaubt, die umgebende Landschaft als ungemein fruchtbar und vielseitig, das eigene Agieren darin als Wahrnehmen von Verantwortung zu begreifen. Diese umgebende Landschaft, ein Umkreis von maximal 50 Kilometern, sei der Raum, so meint Gottwald, auf den sich Menschen sinnvoller Weise beziehen könnten. Das gelte für Landwirte und Landwirtinnen ebenso wie für alle anderen. Fast schon zwangsläufig erschien daraufhin die nächste Aufforderung, man möge doch mal versuchen, die eigene Beziehung zu eben dieser umgebenden Landschaft zu beschreiben und zu qualifizieren. Was halte einen dort, was ziehe einen fort?

Prof. Dr. Franz Theo Gottwald, Foto: Andreas Lörcher
Prof. Dr. Franz Theo Gottwald, Foto: Andreas Lörcher

Vielleicht lässt sich der von Gottwald in der Rainhof Scheune präsentierte Ansatz am besten als eine Art Dreisprung in eine gute Zukunft beschreiben: sich selbst verorten, Vielfalt erkennen, Verantwortung für Entwicklung übernehmen. Im daraus resultierenden intimen Verhältnis zur jeweiligen Bioregion – im Sinne eines umgebenden Lebensraumes – liegt für ihn der Schlüssel für eine positive Wende und Fortentwicklung der Landwirtschaft und damit unserer Ernährungsgrundlagen. Selbstverständlich brauche es auch wissenschaftliche Forschung, etwa für die Festlegung von CO2-Senkungs-Potenzialen. Aber das Erleben, Gestalten und Weiterentwickeln der Bioregion entfalte auch unabhängig davon eigene Potenziale. Auf diese, eigene Bioregion ließen sich globale Entwicklungsziele bestens herunterbrechen und verfolgen – ohne jede Abstraktion –, hier werde die Notwendigkeit einer landschaftsgerechten Ernährung plausibel und hier liege daher auch das Gemeinsame von in der Landwirtschaft Tätigen und Verbrauchern.

Woran Gottwald keinerlei Zweifel ließ, war der ungeheure Handlungsbedarf, um sowohl Landwirtschaft als auch Ernährung in den nächsten Jahren zukunftsfest zu machen. Grund dafür seien nicht nur die bereits spürbaren klimatischen Veränderungen, sondern auch die veränderte EU-Förderpolitik. Für die Landwirte und Landwirtinnen erfordere das vor allem, auf Vielfalt in der Umgebung wie in den Einnahmequellen zu setzen, Kooperationen einzugehen, um Veränderungen gemeinsam zu stemmen, und Wertschöpfungsketten möglichst vollständig in der Region abzubilden.

Den vielleicht ungewöhnlichsten Vorschlag hielt er am Ende für alle bereit: sich zu verabschieden vom Bild des Menschen als einer geschlossenen Einheit und stattdessen jenes einer Vielheit, des Mikrobioms, zu umarmen. Der Mensch als Mikrobiom nämlich werde permanent und unmittelbar von allem geformt, was ihn umgibt. Damit hielten sich Menschen nicht mehr bloß in Landschaften auf, sondern sie wären gewissermaßen das Ergebnis von Landschaft, von Erde, Wasser und Luft. Ein solches Verständnis vom Menschen könnte vielleicht die Motivation, die uns umgebende Region zu erhalten, fördern, hofft Professor Dr. Franz Theo Gottwald.

In Teil 2 des Beitrags können Sie mehr über das anschließende Podiumsgespräch zwischen 5 Landwirtinnen und Landwirten erfahren.

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