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Schafhaltung und Wollverarbeitung

Ein Traditionsgewerbe in Gefahr

von Annika Burger, 11. November 2022 Ob Mütze oder warme Socken, im Winter ist Wolle ein gefragtes Material. Zudem wird sie mittlerweile z.B. auch zu Düngemittel verarbeitet. Dennoch ist der Verkauf von Wolle für deutsche Schäfereien heutzutage in der Regel ein Verlustgeschäft. Wie kann das sein? Und wovon lebt ein Schäfer dann?
Ein Traditionsgewerbe in Gefahr
Schäfer Edgar Engist in Bollschweil

So sehr die Mechanisierung Eingang in die Landwirtschaft gefunden hat, Schafschur ist nach wie vor überwiegend Handarbeit. Auch wenn die klassische Schere mittlerweile meist von elektrischen Schergeräten abgelöst wurde, so ist es doch harte körperliche Arbeit, vornübergebeugt und oftmals im Akkord, ein Schaf nach dem anderen seiner Wolle zu entledigen. Etwa vier bis fünf Kilogramm Wolle kommen pro Schaf zusammen. Was passiert im Anschluss damit? Wo wird sie gewaschen, wo von Pflanzen, Erd- und Kotresten befreit – deutsche Handarbeit? Sicher nicht. In der Regel kaufen Händler die Wolle aus einer Region auf. Mit Schiffen wird sie anschließend nach Asien, z.B. China transportiert, wo sie gewaschen und weiterverarbeitet wird.

30% Rückgang bei der Schafhaltung
Doch dass Schäfer vom Wollhandel, der vor dem Zweiten Weltkrieg noch zwei Drittel des Jahreserlöses einer Schäferei ausmachte, leben können, ist längst Geschichte. Spätestens seit 1990 herrscht absoluter Preisverfall bei Wolle. Zahlen dazu liefert der Landesschafzuchtverband Baden-Württemberg e.V.: Statt wie früher 1,80 Euro bis 2,30 Euro pro Kilo bekommt man heute nur noch zwischen 50 Cent und 1,20 Euro, abhängig von der Qualität. Die Schurkosten hingegen liegen pro Schaf bei circa 3,80 Euro, also höher als der Erlös. Kein Wunder, dass die Schafhaltung im Rückgang begriffen ist, in den letzten zehn Jahren um 30%. 1,5 Mio. Schafe gab es 2019 in Deutschland. Baden-Württemberg ist nach Bayern das Bundesland mit den meisten Schafen: 215.500 Schafe leben hier, mit ca. 1.300 Schafhaltern mit 20 und mehr Schafen, davon ca. 110 hauptberufliche Schafhalter und ca. 15 Wanderschäfer.

Alternative Wollverwertung
Wenn nicht von der Wolle, wovon leben diese Schäfer dann? „Landschaftspflege“, antwortet Ebe, ein Schäfer aus der Ortenau, bei ihm mache das Freihalten von Steilhängen und Dämmen durch seine Tiere etwa 80% seines Einkommens aus. Im bundesweiten Durchschnitt sind es 60%. Das zweite wichtige Standbein stellt mit 36% die Vermarktung von Lammfleisch dar. Aber selbst hier drücken Importe, etwa aus Neuseeland und Südamerika, die Preise. Keine Frage, die Schäferei steckt in einer Krise. Findige Schafhalter versuchen mittlerweile, Alternativen für die Verwendung ihrer Schafwolle zu finden. Statt im Verbund mit der Stricknadel kommt Schafwolle beispielsweise vermehrt im Garten zum Einsatz. In Form von Pellets dient sie der Düngung von Beeten und als hervorragender Feuchtigkeitsspeicher. Auch Wolfram Seitz-Schüle, Leiter der Handwerkskammer Freiburg und Schäfer im Nebenerwerb, lässt die Wolle seiner rund 100 Skuddenschafe zu Pellets verarbeiten, allerdings „nur alle paar Jahre. Damit es sich lohnt, muss eine gewisse Menge an Material zusammenkommen“, so Seitz-Schüle. Generell ist das Verhältnis von Aufwand und Entlohnung oftmals eine echte Gratwanderung, bei der es niemals um hohe Profite geht. Bei der Frage nach der Wirtschaftlichkeit schüttelt der Nebenerwerbsschäfer den Kopf. Der Verarbeitungsweg sei aufwendig und mit hohem Erhitzungs- und Trocknungsaufwand verbunden. „Da muss man schon an ein Abwärmesystem oder ähnliches angebunden sein, damit sich das lohnt.“ Natürlich bestehe eine gewisse Nachfrage für das Produkt, aber um an eine größere Zahl an Endkunden die große Endkundenmasse heranzukommen, müsse man über Baumärkte gehen, dafür sei der Verkaufspreis für die Pellets jedoch aktuell noch zu exklusiv, so die Bewertung der Marktlage durch Wolfram Seitz-Schüle.

Landschaftspflege in Bollschweil
Landschaftspflege in Bollschweil

Staatliche Unterstützung durch Weideprämie
Doch was könnte dann die Lösung sein, um Schafhaltung in Deutschland attraktiver zu machen? Die Mehrheit der Schäfer fordert mehr Unterstützung durch den Staat. 2018 kam es zu Demonstrationen und Petitionen von Seiten des deutschen Bundesverbands der Berufsschäfer. Seine Forderung: die Einführung einer Weidetierprämiere, die damals von vielen anderen EU-Staaten bereits gewährleistet wurde. Auch Edgar Engist, Schäfer aus Bollschweil bei Freiburg, unterstützt diese Forderung. In einem Interview mit der Badischen Zeitung im Februar 2018 erklärte er warum: „Die Weidetierprämie ist nicht produktionsfördernd. Sie soll rein dafür sorgen, dass der Schäfer ein besseres Einkommen erhält für die Landschaftspflege, die er in den Regionen betreibt. Nur so könnten viele Betriebe ihre Kosten bezahlen.“ Vier Jahre sind seitdem ins Land gezogen – wie sieht der Schäfer die Lage heute? „Es hat sich nichts geändert seither. Für nächstes Jahr wurde uns jetzt die Weidetierprämie versprochen, aber das hat die Regierung die letzten vier Jahre auch getan“, antwortet Engist. Auch anderweitige Förderungen seien gekürzt und Bestimmungen geändert worden, die vor allem die kleinbäuerlichen Betriebe treffe, sagt der Schäfer: „Im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald gab es bisher 70 Euro Landschaftspflegegeld pro Hektar. Der Betrag wurde nun reduziert auf 30 Euro und ein Mindestauszahlungsbetrag von 250 Euro gesetzt. Das heißt, kleine Betriebe mit unter 8 Hektar gehen leer aus. Da muss man sich nicht wundern, dass immer mehr Schäfer aufgeben.“ Im Anbetracht der Rahmenbedingungen ist es also primär dem Idealismus der Schäfer und Schäferinnen zu verdanken, dass in Deutschland überhaupt noch Schafe gehalten werden.

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