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Herr Obermaier, Sie sind in einer Gärtnerei aufgewachsen und sind gelernter Gärtner, Landschaftsarchitekt sowie promovierter Agrarwissenschaftler. Heute engagieren sich bei A hoch drei, dem regionalen Netzwerk in Südbaden für Agrarkultur, Agrarbildung und Agrarkommunikation. Das Netzwerk ist aus dem Projekt Marktplatz LandKultur und dem daraus entstandenen Höfe-Festival hervorgegangen. Es will das Besondere des Bäuerlichen wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein und vor allem wieder zur Sprache bringen. Was ist damit gemeint?
Wir nehmen wahr, dass die bäuerliche Lebenskultur immer weniger verstanden wird. Naturwissenschaft, Politik und Gesellschaft sprechen zunehmend eine „andere Sprache“, die das Bäuerliche verdrängt. Unser Ziel ist, das Bäuerliche wieder zur Sprache zu bringen und das verlorene agrarische Bewusstsein sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Gesellschaft wieder aufleben zu lassen. Eine wichtige Stellschraube ist dabei die Agrarbildung, insbesondere die berufliche und hochschulische Berufsbildung.
Wie steht es denn um die Agrarbildung?
Aus meiner Perspektive sehr schlecht. Als Lehrender bewege ich mich seit über 20 Jahren sowohl im Feld der dualen Berufsausbildung als auch dem Hochschulstudium. Dabei droht erstere immer mehr akademisiert zu werden und letztere verliert immer mehr den Praxisbezug. Gleichzeitig bewegt sich die Schere zwischen Hochschul- und dualer Berufsausbildung insgesamt immer weiter auseinander. Ich kritisiere das Übermaß an erfahrungsloser Wissensvermittlung in der heutigen Agrarbildung.
Können Sie das näher erläutern?
Ziel der dualen Ausbildung ist ein „Lernen im Arbeitsprozess“, d.h. das praktische Lernen im Betrieb mit theoretischem Lernen in der Berufsschule zu verbinden. Eigentlich ein toller Ansatz. Aber ich erlebe immer mehr, dass diese Verbindung eben nicht mehr stattfindet. Das Erfahrungsbezogene geht verloren – was kein Wunder ist, denn viele Lehrende kommen gar nicht mehr aus der Praxis. Es wird erfahrungsloses Wissen weitergegeben. Für mich eine Katastrophe.
Und in der Hochschule?
Natürlich ist eine Ausbildung an der Hochschule grundsätzlich akademischer geprägt. Aber die jungen Leute, die hier Agrarwissenschaften oder ähnlich angewandte Fächer studieren, werden später mit Landwirtschaft und den Menschen dort zu tun haben. Wenn nicht immer weiter umsetzungsferne Konzepte am Schreibtisch entwickelt werden sollen, die mit der Realität nichts zu tun haben, müssen auch Hochschulstudierende raus aufs Feld und in die Praxis. Aber das findet immer weniger statt. Es gibt mittlerweile vielfach angewandte Bachelor- und Masterstudiengänge, die keine Praktika mehr verlangen. Es herrscht ein „Bulimie-Lernen“ in den Hörsälen; erworbenes Wissen wird für die Prüfungen eingepaukt und dann wieder ausgespuckt und vergessen.
Und beides zusammen betrachtet ergibt die Schere, die sie beschreiben?
Genau, Ausbildung und Studium verlieren an Praxisqualität und bewegen sich gleichzeitig immer weiter auseinander. Der eine weiß vom anderen nichts und doch treffen die Welten später aufeinander. Das darf so nicht weitergehen. Albrecht Daniel Thear, Begründer der Agrarwissenschaften und Agrarbildung in Deutschland, warnte schon vor über 200 Jahren vor einer solchen Entwicklung.

„Bubble Breaking“ ist ein Motto von Ihnen. Begegnen Sie so der von Ihnen geschilderten Entwicklung? Was steckt dahinter?
Mein Ziel ist eine integrierte Agrarbildung. Ich habe absolut erhellende und für alle Beteiligten beeindruckende Erfahrungen mit Workcamps und Sommerschulen gemacht, während derer Auszubildende und Studierende aufeinandertreffen und gemeinsam mit- und voneinander lernen. Das ist mit Bubble Breaking gemeint. Raus aus der Blase. Man kann den jungen Leuten dabei förmlich beim „Wachsen“ zusehen.
Sind Workcamps also die Agrarbildung der Zukunft?
Das ist nur ein Beispiel, wie es gehen kann. Wir müssen uns zusammensetzen, miteinander reden und uns fragen, welche Art von Bildung wir in der Zukunft brauchen. Was wollen wir verändern? Das zu klären, ist der erste Schritt. Und dann müssen wir Mut haben: Neue Formate wagen, aber auch erfolgreich Erprobtes weiterentwickeln. Das Wichtigste ist: wir müssen jungen Menschen konkrete Erfahrungsmöglichkeiten bieten und nicht nur darüber fabulieren.