UNSER NEWSLETTER
Immer auf dem Laufenden Bleiben
Lernen Sie regelmäßig neue Höfe und Erzeuger kennen.
Der Schwarzwald gilt als Sinnbild einer intakten Kulturlandschaft. Doch diese Vielfalt ist kein romantisches Beiwerk, sondern die Grundlage unserer Ernährung, der regionalen Landwirtschaft und wirtschaftlicher Stabilität. Bestäubende Insekten sichern Erträge, Futterpflanzen und ganze Wertschöpfungsketten – oft unbemerkt. Warum ihr Rückgang uns alle betrifft und weshalb es beim Schutz der Biodiversität kein Gegeneinander von Landwirtschaft und Verbrauchern geben darf, erläutert Christiane Denzel, gelernte Gärtnerin sowie Kräuter- und Biodiversitäts-Pädagogin, die praxisnahes Wissen zu Artenvielfalt und Naturschutz vermittelt, im Interview mit Annika Burger.
Warum betrifft der Verlust der Biodiversität uns alle – und nicht nur den Naturschutz?
Naturschutz ist Menschenschutz, wir sind ein Teil dieses Systems. Bestäubung ist z. B. eine zentrale Ökosystemleistung. Weltweit sind 87 der 109 wichtigsten Kulturpflanzen auf Bestäuber angewiesen. Ihr wirtschaftlicher Wert liegt global bei rund einer Billion Euro, in Deutschland bei etwa 3,8 Milliarden Euro jährlich. Fallen Bestäuber weg, betrifft das Erträge, Lebensmittelpreise und die Stabilität unserer Landwirtschaft – also Verbraucher und Betriebe gleichermaßen.
Honigbienen stehen oft im Fokus. Greift diese Sicht zu kurz?
Ja, deutlich. Honigbienen leisten nur etwa ein Viertel der Bestäubung. Rund drei Viertel übernehmen wilde Insekten wie Hummeln und andere Wildbienen, (Schweb-)Fliegen, Käfer und Schmetterlinge. Erst diese Vielfalt macht Bestäubung zuverlässig – bei Kälte, Wind, in Höhenlagen oder an spezialisierten Pflanzen.
Was macht wilde Bestäuber so besonders leistungsfähig?
Viele fliegen auch bei kühleren Temperaturen, andere bei Wind oder in der Dämmerung. Wieder andere sind perfekt an bestimmte Pflanzen angepasst. Diese Vielfalt wirkt wie ein Sicherheitsnetz: Fällt eine Art aus, übernehmen andere ihre Rolle. Genau diese Stabilität fehlt, wenn wir uns nur auf eine Art verlassen.
Gibt es dafür ein konkretes Beispiel aus der Landwirtschaft?
Ja, ein sehr gutes Beispiel ist der Rotklee, der als Futterpflanze in der Rinderhaltung eine zentrale Rolle spielt – auch im Schwarzwald. Rotklee wird vor allem von Schmetterlingen bestäubt. Würden diese Bestäuber fehlen, hätte das direkte Folgen für die Futterproduktion, für Milchviehbetriebe und damit für die gesamte regionale Wertschöpfungskette.
Ein weiteres Beispiel finden wir im Obstbau, besonders bei Süßkirschen. Sie blühen sehr früh im Jahr, manche Sorten bereits Anfang April. Scheint die Sonne häufig und es ist ein warmes Frühjahr, machen Honigbienen einen super Job. Gibt es aber während der Blüte einen Kälteeinbruch, bleiben Honigbienen lieber in ihrem Stock – dort gibt es ja ausreichend Honig. Wildbienen haben hingegen kaum Vorräte, sie müssen bei jedem Wetter raus. Hier kann z. B. die Gehörnte Mauerbiene eine entscheidende Rolle übernehmen, sie ist eine der frühsten Wildbienen-Arten im Jahr. Auch Hummelköniginnen sind nach ihrer Winterstarre bei kühlem Wetter, oft sogar bei Nieselregen, an Blüten anzutreffen. So kann eine einzige Hummelkönigin an zwei Tagen einen ganzen, großen Kirschbaum allein bestäuben!
Wie ist die Situation der Bestäuber im Schwarzwald – und was sind die Folgen?
Der Schwarzwald ist artenreich, weil hier noch strukturreiche Wiesen, Streuobstbestände, Hecken und Hochlagen existieren. Doch auch hier wächst der Druck: intensivere Bewirtschaftung, Pestizide, Flächenverlust und Klimawandel lassen Populationen schrumpfen. Gehen unterschiedliche Bestäuber verloren, verschwinden ökologische Funktionen. Das schwächt Landwirtschaft, Landschaftsstabilität und regionale Identität – und ist schlecht für den Tourismus, viele Höfe haben Ferienwohnungen als zweites Standbein.

Beim Thema Biodiversität wird oft Landwirtschaft gegen Konsum ausgespielt. Warum ist das der falsche Ansatz?
Weil es dieses Entweder-oder nicht gibt. Rund 50 Prozent der Fläche in Deutschland werden landwirtschaftlich genutzt. Landwirtinnen und Landwirte gestalten damit unser größtes Ökosystem – sie tragen diese Verantwortung aber nicht allein. Biodiversität ist kein individuelles Projekt, sondern ein gesellschaftliches.
Was heißt das konkret für Landwirte und Verbraucher?
Landwirte können biodiversitätsfördernd wirtschaften, wenn sie dafür Rückhalt bekommen: Von den Mitmenschen aber auch politisch, wirtschaftlich und durch den Markt. Artenreiche Wiesen, Blühflächen oder extensivere Nutzung kosten Fläche, Zeit und Geld. Verbraucher entscheiden mit jedem Einkauf, ob diese Leistungen möglich sind. Regional einzukaufen heißt, Landschaften und Betriebe zu stärken.
Sie sagen: „Einkaufen ist immer eine politische Handlung.“
Ja. Jede Kaufentscheidung sendet ein Signal. Wer regional und fair einkauft, investiert in funktionierende Ökosysteme. Das ist kein Lifestyle, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Landwirtschaft, Artenvielfalt und Versorgungssicherheit zusammen funktionieren.
Welche Rolle spielt Bildung dabei?
Wertschätzung entsteht durch Verständnis. Wer begreift, wie eng Ernährung, Landschaft und Insekten verknüpft sind, trifft andere Entscheidungen – als Konsument, Landwirt oder Kommune. Genau hier setzt Biodiversitätsbildung an. Wir dürfen lernen, dass jede und jeder helfen kann.
Was steht im Schwarzwald konkret auf dem Spiel?
Eine ganze Kulturlandschaft. Ohne Bestäuber und intaktes Bodenleben brechen Kreisläufe zusammen – vom Klee auf der Wiese über die Milchviehhaltung bis zu regionalen Produkten. Der Schwarzwald zeigt exemplarisch: Biodiversität ist kein Luxus, sondern die Grundlage unseres Lebens und Wirtschaftens – eine Verantwortung, die Verbraucher und Landwirte gemeinsam tragen.