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Bauerngärten

Kulturgut hinterm Gartenzaun

von Annika Burger, 26. November 2021 Bauerngärten bedeuten Vielfalt – ein Meer aus kräftig leuchtenden Farben, summenden Bienen, üppigen Stauden im Wechsel mit wohlschmeckendem Gemüse. Ein prächtiges Bild. Aber ein Bild aus der Vergangenheit? Waren Bauerngärten früher im kargen und oft schlecht zugänglichen Schwarzwald überlebensnotwendiger Bestandteil der täglichen Versorgung, droht mit ihnen heute ein wichtiges Stück Kultur des Schwarzwalds verloren zu gehen. Das haben Einrichtungen wie die Schule Birklehof erkannt, die deshalb den historische Bauerngarten vermehrt in den Unterricht einbindet. Auch die Bauerngartenroute steht für den Erhalt der Gärten.
Kulturgut hinterm Gartenzaun
Andrea von Sengbusch im Bauerngarten des Internats und Gymnasiums Birklehof © Sabine Koellner

Bauerngärten dienten ursprünglich vorrangig zur Selbstversorgung der Hofgemeinschaft und wurden bewirtschaftet von der Bäuerin und ihren Helfern. Doch nicht nur das Erzeugen von Nahrungsmitteln spielte eine Rolle: Im Garten wuchsen ebenfalls essenzielle Heilkräuter zur Behandlung von Krankheiten sowohl des Menschen als auch des Viehs.

Unverändert trägt der Bauerngarten im Schwarzwald auch heute noch „die Handschrift seiner Bewirtschafterin und hat entsprechend seiner Höhenlage sein ganz eigenes Gesicht“. Generell sei er immer eine Mischung aus Nutz- und Ziergarten, so die Badische Bauernzeitung, die seit 1999 den Tag des offenen Bauerngartens veranstaltet.

Perlen in der Landschaft
Sie sind also regional und individuell geprägt und trotzdem findet man im Internet sowie in diversen Gartenbüchern Anleitungen für das Anlegen von Bauerngärten. Viele Pläne und Vorlagen haben ihren Ursprung in den Klostergärten. Ab dem 16. Jahrhundert übermittelten Mönche und Nonnen nicht nur das Wissen über Heilkräuter, sondern auch die Gartenstruktur. Wegkreuz und quadratisch angelegte Beete sind u.a. typische Merkmale.

Heute prägt vor allem ein anderes Merkmal den Bauerngarten: es gibt immer weniger seiner Art. Denn auch im Schwarzwald ist längst der Supermarkt Haupternährer der Hofgemeinschaft geworden. So liegen die Gärten zunehmend brach, verwildern und verschwinden schließlich ganz. Dem gezielt entgegenwirken möchte die Veranstaltungsreihe Bauerngartenroute. Die Veranstalterinnen sprechen von den Gärten als schützenswertes Kulturgut und beschreiben sie als „Perlen in der Landschaft“, die die vielfältige Kulturregion im Schwarzwald bereichern. Übertrieben ist das keineswegs, denn hier werden oft alte Gemüseraritäten kultiviert und es finden sich so manche fast vergessenen Blumenschönheiten.

Hühner müssen draußen bleiben!
Hühner müssen draußen bleiben!

Altbirkle, ein gehobener Schatz
Ein ähnliches Ziel verfolgt das private Internat und Gymnasium Birklehof in Hinterzarten. Sein Gründungsgebäude ist der Altbirklehof, kurz Altbirkle. 1550 erbaut, ist er der drittälteste noch im Original stehende Schwarzwaldhof. Mehrere Jahre ungenutzt, war das Gebäude dem Verfall preisgegeben und schließlich vom Abriss bedroht, bis sich ein engagiertes Team für den Erhalt des Schwarzwälder Juwels einsetzte. Mit Erfolg: Der Hof wurde von Mai 2019 bis September 2020 aufwendig saniert. Die so instandgesetzte Hofstelle und der historische Bauerngarten sollten nicht nur schulintern genutzt, sondern auch auf vielfältige Weise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Bauerngarten sei ein Schatz, den die Schule heben wolle. Er biete die Chance, ein Bewusstsein für Lebensmittel auf der einen Seite sowie für die handwerkliche Leistung ihrer Produktion auf der anderen Seite zu schaffen, so der Schulleiter Henrik Fass.

Entfremdung entgegenwirken
Ansprechpartnerin für den historischen Bauerngarten ist Andrea von Sengbusch, Dozentin für Pflanzenheilkunde und Biologielehrerin an der Schule Birklehof. Vor allem in den Unterricht der Unterstufe bezieht die Lehrerin den Bauerngarten aktiv mit ein. Eine freiwillige Garten-Schüler-Arbeitsgemeinschaft kümmert sich regelmäßig um die Beete und auch gewisse Pflichtdienste sorgen für die Bewirtschaftung des Gartens. Dennoch ist er kein Selbstläufer, weiß Frau von Sengbusch. Sie sieht sich bei ihrer Arbeit vor allem mit der Herausforderung einer starken Entfremdung konfrontiert: „Wer gewohnt ist, sein Gemüse aus dem Supermarkt zu kaufen, muss erstmal wieder lernen, wie gut eine frisch im Garten gepflückte Möhre schmeckt. Er muss aber auch erfahren, dass Erdbeeren nur dann wachsen und geerntet werden können, wenn vorher auch Unkraut gezupft wurde.“

Authentischer Lernort
Sofern Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung dem nicht entgegenstehen, gehört es fest zum Konzept des Gartens, ihn auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und einen Austausch zu ermöglichen. Darüber hinaus besteht eine Kooperation mit der Volkshochschule (VHS) Hochschwarzwald in Titisee-Neustadt. Mit dem Altbirkle biete sich die Möglichkeit, spannende Themen zu Brauchtum und Tradition an einem wirklich authentischen Ort zu vermitteln, so die VHS.

Natürlich muss es nicht immer gleich in so großem Stil wie beim Altbirkle sein: Jeder, der einen Bauerngarten oder auch nur ein Beet übernimmt, weiterführt oder wieder aufleben lässt, erhält auf seine eigene Weise ein Stück Kulturgut hinterm Gartenzaun.

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